
Beim Rundgang über die diesjährige Discovery Art Fair Cologne in der XPOST begegnet einem ein Motiv immer wieder. Nicht immer laut und offensichtlich. Manchmal in einem kleinen Ölgemälde, manchmal über eine ganze Koje voller großformatiger Leinwände hinweg. Doch es taucht mit einer solchen Beständigkeit auf, dass man es irgendwann nicht mehr übersehen kann: das Kind. Als Motiv, als Erinnerung, als Frage.
Kindheit gehört seit Jahrhunderten zu den großen Themen in der Kunst. Lange bevor niederländische Meister Kinder mit großen Augen porträtierten oder die Romantik die Kindheit zum philosophischen Ideal erhob.
Was das 21. Jahrhundert hinzufügt, ist eine neue Schärfe. Weniger Trost, mehr Dringlichkeit. Die Bereitschaft, danach zu fragen, was wir der Kindheit bzw. Kindern antun und welchen Preis wir dafür zahlen. Mehrere Künstlerinnen und Künstler auf der Discovery Art Fair Cologne 2026 greifen diese Fragen auf. Hier sind einige der eindrucksvollsten Positionen zum Thema Kindheit.

Dennis Josef Meseg – detail
Wenn viel auf dem „Spiel“ steht
Kinderland ist abgebrannterstreckt sich über rund dreißig Quadratmeter. Barbies, McDonald’s-Memorabilia, ein BMX-Rad und andere Relikte der Kindheit treffen auf BDSM-Equipment und einen schwarzen Schrank mit sechzehn Szenen, die sich Tür für Tür erschließen. Im Zentrum steht die schöne Lüge, die wir Kindern erzählen. Die rosafarbene Blase einer unbeschwerten Kindheit, die irgendwann platzt Dennis Josef Meseg (Stand C6) beschäftigt sich seit Jahren mit dem, was danach kommt, und diese Installation gehört zu seinen kompromisslosesten Arbeiten. Mehr darüber kann man lesen in unserem Blog-Beitrag.
Andrea Wycisk bei ARTgerecht (Stand C10) entreißt vertrauten Figuren unserer Kindheit ihrer geschützten Welt und versetzt sie in raue urbane Collagen. Peppermint Patty und Snoopy wirken verloren und fehl am Platz. In „Just No“ streckt Minnie Mouse grinsend beide Mittelfinger in die Höhe. Das Sinnbild harmloser Unschuld hat endgültig genug.

Danny Frede
Große Last auf kleinen Schultern
Hongku Kwon (Stand B6) malt Kinder beinahe lebensgroß, gesichtslos, mit gesenktem Blick, unterwegs ins Ungewisse. Ihre Schatten scheinen schwerer zu sein, als sie sein sollten. Ausgangspunkt seiner künstlerischen Arbeit ist die Erinnerung an ein Bild, das er als Kind malte. Ein einsamer Junge, bei dem ihm erst später bewusst wurde, dass er selbst dargestellt war. Seine großformatigen Figuren zeigen Kindheit nicht als Porträt, sondern als inneren Zustand. Gefühle, die noch keinen Namen haben, erhalten hier eine Größe, die dazu zwingt, sie ernst zu nehmen. Die Ruhe, die von diesen Arbeiten ausgeht, begleitet einen noch lange nach dem Verlassen des Standes.

PITU – Andrea Wycisk
Frei geboren
Wir kommen frei zur Welt und verdienen Liebe. Die schönsten Momente der Kindheit bewahren dieses Wissen, bevor die Welt beginnt, uns ihre eigenen Regeln aufzuzwingen. Mehrere Künstlerinnen und Künstler der Messe widmen sich genau diesem Gedanken.
Tizlu (Stand C8) lässt Kinder fliegen. In The Great Beyond stürmen zwei Figuren durch eine Collage aus Farben und Zeitungsausschnitten, die Arme weit ausgebreitet. Freiheit erscheint hier nicht als Idee, sondern als körperliche Erfahrung.
Danny Frede bei Studio Donksy Dänksy (Stand C11) zeigt in Rat Boy ein lachendes Kind im Bärenkostüm. Darüber leuchtet in großen Buchstaben die Aufforderung „STAY CHILDISH“. Trotz, Freude und Widerstand gegen all das, was die Erwachsenenwelt für uns vorgesehen hat.
PITU bei der BEAR GALERIE (Stand C2) malt Figuren mit kreisrunden Augen und hahnenkammartigen Frisuren so, wie Kinder sie selbst malen könnten. Flächig, direkt und ohne jede Sorge darum, wie eine Figur eigentlich auszusehen hat. Die Bildsprache verkörpert genau das, was sie zeigt.
Und im Kunstraum268 (Stand A7), präsentiert Manuela Pasch das kleine Ölgemälde Cutest Couple. Ein Kleinkind und ein Hund, gleich groß, beide auf ihren Hinterbeinen, von hinten betrachtet vor einem Garten stehend. Keine Gesichter, keine Moral, keine Erklärung. Nur zwei kleine Wesen, die gemeinsam in die Welt blicken. Mehr brauchen sie in diesem Moment nicht. Eine Erinnerung an die Reinheit der Seele, nach der wir uns alle sehnen.

Manuela Pasch

Tizlu – The Great Beyond
Der rote Faden der Kindheit
So unterschiedlich diese Arbeiten auch sind, ob verstörend, nachdenklich oder voller Lebensfreude, sie kreisen um dieselbe Frage: Wie gestaltet sich unsere Kindheit, was tun wir damit und was macht sie mit uns?
Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Vielleicht liegt die ehrlichste Antwort aber in einem der einfachsten Bilder dieser Messe: Ein Kleinkind und ein Hund, gleich groß, vor einem Garten. Alles andere ist Interpretation.
Gesehen auf der Discovery Art Fair Cologne 2026, vom 23-26 April, 2026.
