News

Moderne australische Skulpturen setzen auf Ironie • Ein Interview mit Martin George

Martin George, ein australischer Bildhauer aus Melbourne, wird mit der Berliner Liste 2016 seine erste Messeteilnahme in Europa begehen. Seine in Australien weit bekannten monumentalen Stahl- und Marmorplastiken zeugen von der Ironie einer australischen Gesellschaft und deren ironischem Umgang mit den Begebenheiten unserer heutigen Welt. Martin George ist ein engagierter Künstler mit einem ironischen Sinn für Humor. Er schafft groß angelegte moderne Skulpturen, die von allen Seiten betrachtbar sind. Während einige seiner Plastiken von verdrehten Formen und Knoten gekennzeichnet sind, werden andere unerwartet auf die Wand projiziert. Der Künstler liebt es, scheinbar unvereinbare Objekte zu kombinieren mit der Absicht sein Publikum zum Lachen zu bringen – in einer seiner Arbeiten hat er z.B. ein überdimensioniertes 20 Kilo Industriegewicht auf einem eleganten Marmortisch platziert. In unserem Interview  sprachen wir über seine vergangenen Reisen durch Europa und seine Pläne für die Berliner Liste 2016.

Martin, du bist ursprünglich aus Australien, aber du hast dich entschieden im Zuge der Teilnahme an der Berliner Liste einen weiten Weg auf dich zu nehmen. Wann hast du das erste Mal von unserer Messe gehört und wie kam es zur Entscheidung her zu kommen.

Martin George: Ja es ist ein langer Weg hierher – über 16.000 Kilometer! Aber da Australien ja auf der anderen Seite der Welt liegt, sind wir gezwungen zu reisen… Letztes Jahr war ich in Deutschland zu einer Hochzeit von meinem Freund in Hawangen, Bayern. Leider hatte ich nicht die Zeit wirklich in die Berliner Kunst- und Kulturszene einzutauchen, weil ich nur für drei Tage hier war – deswegen habe ich beschlossen, ich komme zur Berlin Art Week wieder. Ich habe durch einen Kunsthändler in Melbourne von der Berliner Liste erfahren. Er erzählte mir von der sich schnell verändernden und wachsenden hiesigen Kunstindustrie und das Berlins Perspektiven in Sachen zeitgenössischer Kunst bemerkenswert seien und so wollte ich natürlich ein Teil davon sein.

Hast du bereits an anderen europäischen Messen Teil genommen oder vielleicht einige große Städte der „alten Welt“ besucht? Was waren deine Eindrücke?

MG: Ich habe Europa viele Male besucht, da ich Familie in Deutschland, Kroatien und Österreich habe – es ist jedoch meine erste Messeteilnahme in Europa. Ich habe Galerien und Museen in ganz Europa besucht und es gibt wirklich erstaunliche Sammlungen auf dem gesamten Kontinent. Noch beeindruckender als die Kunstwerke selbst, war die Art wie sie in weiten Teilen der „alten Welt“ angenommen werden. Die Öffentlichkeit hat hier eine stärkere Bindung zur Bildenden Kunst, ob nun in den großen Museen oder den dunkelsten, alternativen Kunsträumen. Man spürt dieses Engagement und die Verpflichtung die gegenwärtige Kunst als Eigentum der großen Gemeinschaft zu wahren.

Wir wollen noch mehr über deine Kunst erfahren. Woher hast du deine Inspirationen für deine überdimensionalen Plastiken aus Stein und Metall bekommen?

MG: Überdimensionierte Skulpturen zu schaffen liegt mir im Blut – ich bin gelernter Maschinenbauingenieur und habe in der Vergangenheit Brücken und Teile für Kraftwerke gebaut, sodass ich große Maßstäbe gewohnt bin. Ich schaffe immer in großen Maßstäben. Ich mag es wie dieser Maßstab auf den Betrachter wirkt und wie es mehrere Herangehensweisen innerhalb einer Arbeit erlaubt. Aus der Ferne betrachtet ist eine groß angelegte Arbeit ein Teil seiner Umgebung, in die sie eingebettet ist – ihre Interaktion bietet einen künstlerischen Kontext. Dieselbe Skulptur steht vor einer Klippe über dem Meer oder umgeben von Fabriken in einer weiten Ausdehnung einer Vorstadt, dessen Kontext nur fassbar ist aus einer weiten Perspektive. Kommt man näher beginnt die monumentale Arbeit eine eindringliche Wirkung auf den Betrachter zu haben, einfach durch die physische Dimension der Arbeit, die jetzt den Raum dominiert. Steht man schließlich direkt vor der Arbeit, löst sich alles in Linien und Strukturen, den Glanz von Stahl oder Kristalladern des Marmors auf. Bei dieser Betrachtung rücken das Material und die Handschrift des Künstlers in den Vordergrund und der große Kontext verblasst und verschwindet.

Martin George's Portrait (Left) / Industrial Pommel (Right)

Martin George (Links) / Industrial Pommel (Recht)

Deine skulpturalen Objekte sollen in die bauliche Umgebung intervenieren. Wie beschreibst du den dahinter liegenden künstlerischen Prozess? Wie wählst du die Orte aus, an denen du deine Werke aufstellst?

MG: Ich bin in Melbourne geboren und aufgewachsen und es scheint als seien dort alle irgendwie in die Street Art involviert. Manche meiner Freunde besuchen Melbourne nur um dort Arbeiten zu hinterlassen und dadurch in der Szene drin zu sein. Meine Form der Interventionen gründen auf dem Zusammenspiel zwischen Skulptur und der Lage- und Ortsbestimmung. Eine meiner Lieblings-Interventionen ist eine abstrakte Frau, die in einem Regenwasserablauf in Knox (ein östlich gelegener Vorort von Melbourne) Sonnen badet. Der gewählte Ort gibt dem Kunstwerk den passenden Rahmen, den ich in einer Galerie mit weißen Wänden so nicht erzeugen könnte. Für diese Arbeit habe ich mit einem Street Art Künstler zusammengearbeitet namens ZEITS – er sprühte das Badetuch und ich gestaltete die Form. Urbane Intervention ist die unverfälschte und wilde Variante meiner Kunst. Ich wähle Kunst für den Galeriekontext, von der ich weiß sie funktioniert für sich selbst. Urbane Intervention ist spannend, weil sich die Skulptur in eine bereits existierende Geschichte einfügt.

Was sind deine Erwartungen und Ziele für die Berliner Liste 2016? Beabsichtigst du Galerien in Europa zu finden, mit denen du zusammen arbeiten kannst?

MG: Im Moment denke ich nicht daran, was mich erwartet, sondern ich bin froh, wenn alle meine Werke sicher hier ankommen. Heute Morgen habe ich eine Nachricht bekommen, dass mein Container von Beamten in Hamburg durchsucht wurde – ich hoffe nur die Hamburger Beamten mögen große abstrakte Plastiken aus Stahl… Mal im Ernst – meine Arbeiten sind in Australien bereits sehr bekannt und nach Berlin zu kommen und meine Arbeit der hiesigen Kritik auszusetzen, soll mich auch weiter in meiner Praxis voranbringen. Berlin hat zahlreiche Kunstkenner und es wäre wundervoll einen Galeristen zu finden, der Potenzial in meinem Schaffen sieht. Ich sehe diesen Besuch gewiss auch als den Beginn einer weiterführenden Verbindung zur Berliner Kunstszene. Nebenbei – ich mag Deutsche – ich selber habe eine Deutsche geheiratet!

Wie würdest du die aktuelle, australische Kunstszene beschreiben? Gibt es eine bestimmte populäre Kunstrichtung unter den jungen, aufstrebenden Künstlern?

MG: Die zeitgenössische Kunstszene in Australien ist so unterschiedlich, dass man nicht von einem bestimmten Genre sprechen kann. In meiner Gegend in Australien gibt es einige herausragende Bildhauer, die dort arbeiten. Künstler wie Patricia Piccinini und Gallum Morton machen grandiose Arbeiten. Es gibt weniger ein Genre, das alle teilen, als mehr ein Ethos der ironischen Aufarbeitung. Ob eher hoffnungsvoll oder verbittert, viele der australischen Künstler betrachten die Welt mit einer ironischen Brille. Australien hält sich für eine egalitäre Gesellschaft – im positiven Sinne bedeutet es sich für Gleichstellung und Wohlstand einzusetzen, auf der anderen Seite bedeutet es Misstrauen in das Herausragende und das Zurückdrängen des Strebens nach persönlicher Selbstverwirklichung. In diesem Sinne, kann der Künstler zwar sein Werke als Referenz behandeln, jedoch seine Identität als Künstler nicht feiern. Ich denke der Moment der Ironie ist dabei auch der Ausdruck dieser Distanz zwischen dem Künstler und seinem eigenen Werk.