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Liebe das, was Du tust! Jörgen Golz im Interview über seine Motivation, das Messekonzept und die BERLINER LISTE 2017

Messe-Direktor Jörgen Golz im Interview über seine Motivation, das Messekonzept, den Standort Berlin und natürlich über die bevorstehende BERLINER LISTE (15.-17. September).

Sie sind erst vor wenigen Wochen von einer äußerst erfolgreichen KÖLNER LISTE zurückgekommen, und stecken schon wieder voll in den Vorbereitungen für die nächste BERLINER LISTE im September.
Was motiviert Sie und Ihr Team soviel Engagement und Herzblut in die Organisation Ihrer Kunstmessen zu investieren?

Wenn man diesen Messewahnsinn überleben möchte, dann gibt es nur eine Medizin, die hilft: Liebe das, was Du tust! Und das tun wir. Wir freuen uns jedes Mal auf die neunen Gesichter und die alten Bekannten sowie die frischen Werke, die wir oft als erste zu Gesicht bekommen. Es motiviert uns, dass wir jungen Künstlern, Galerien und Projekträumen eine erfolgreiche Verkaufs- und Networking-Plattform bieten können.

Seit ihrer Gründung vor 14 Jahren gehört die BERLINER LISTE zu den wichtigsten Kunstmarkt-Events der Hauptstadt. Worauf beruht der Erfolg der Kunstmesse?
Ja, die BERLINER LISTE ist nicht nur die älteste Kunstmesse der Hauptstadt, sondern auch die frischeste, vielfältigste und lebendigste. Wir sind eine Entdeckermesse und setzen auf spannende, junge Kunst im gemäßigten Preissegment. Ein wesentlicher Teil des Erfolges der Messe liegt darin begründet, dass wir Künstler, Galerien und Projekträume gleichberechtigt nebeneinander präsentieren.

Das künstlerische Werk ist weitaus mehr als reine Handelsware, es erzählt Geschichten, transportiert Ideen, erzeugt Emotionen. An unseren Messständen wird angeregt diskutiert, gefragt, erklärt. Kunstliebhaber, Käufer und Fachpublikum schätzen die Gelegenheiten zu direkten persönlichen Gesprächen mit den Künstlern. Galeristen und Kuratoren entdecken neue Talente, zukünftige Ausstellungsprojekte werden angestoßen. Alle genießen insbesondere die lockere, offene und kommunikative Atmosphäre, die unsere Messe so besonders macht.

Für zahlreiche talentierte Künstler und aufstrebende Galerien erweist sich die BERLINER LISTE als ein Sprungbrett zum Erfolg. Gleichzeitig bieten wir unseren Besuchern ein spannendes Messeerlebnis und nicht zuletzt die tolle Chance, viel Neues und (noch) Bezahlbares zu entdecken.

Berlin ist für seine Internationalität und internationale Vernetzung bekannt. Wie international ist die BERLINER LISTE?
Wir haben im letzten Jahr mit 112 Ausstellern aus 25 Ländern und fünf Kontinenten ein weites Spektrum zeitgenössischer Kunst präsentiert. Die Hälfte unserer Aussteller kam aus dem Ausland. Aber natürlich stellen wir nicht nur die vielfältigeninternationalen Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst vor, sondern verstehen die Entdeckermesse auch als einen Ort der internationalen Vernetzung und Zusammenarbeit. Wir wissen, wie wichtig und wie nachhaltig so ein internationales Netzwerk für junge Kunstmarktteilnehmer sein kann und wie viel wir dazu beitragen können.

Lassen Sie es mich an einigen konkreten Beispielen aus dem letzten Jahr verdeutlichen:

Die Sandvoort Gallery aus Rotterdam vertritt nun den aufstrebenden englischen Kunstfotografen Adam Goodison. Beide waren im letzten Jahr Aussteller unserer Photography Section.

Sowohl die Gallery Casa Cuadrada in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá als auch die tschechische Dub Galerie haben im letzten Jahr die Skulpturen des litauischen Holzbildhauers Edvardas Racevičius präsentiert. Die Folge von Kontakten geknüpft zwischen Ausstellern der BERLINER LISTE.

Als der australische Künstler Martin George durch einen Kunsthändler in Melbourne von der BERLINER LISTE erfuhr, beschloss er im letzten Jahr seine überdimensionalen Plastiken aus Stein und Metall erstmals auf einer Messe in Europa zu zeigen. Sein Ziel: Einen Galeristen und eine Verbindung zur Berliner Kunstszene finden. Im Januar eröffnete die Berliner THE ART SCOUTS GALLERY die erste Ausstellung mit seinen Arbeiten.

Die niederländische Künstlerin Anook Cléonne stellte 2016 auf der KÖLNER LISTE aus. Dort entstand der Kontakt zur Galerie Pine Wood Fine Art aus Werder, ebenfalls Aussteller der Messe. Bei der darauf folgenden BERLINER LISTE präsentierte die Galerie eine Solo-Show der Künstlerin. Im April kehrte Anook nach Berlin zurück, um bei unserem Kurator, dem Fotografen und Kunstsammler Stefan Maria Rother einen Abend mit geladenen Gästen im Rahmen Ihrer Art Salon Tour zu veranstalten.

Oder die Geschichte des tschechische Künstlers Marek Slavik, der auf der letzten Messe den im Rahmen der Sonderausstellung „Japanese Young Artist Group“ verliehenen Japan-Preis gewann und zu einer Einzelausstellung seiner Werke nach Japan eingeladen wurde.

Ja, die BERLINER LISTE darf man wohl als sehr international bezeichnen – passend zu der Stadt, die der Messe den Namen gegeben hat.

Wie relevant ist der Kunstmarkt-Standort Berlin? Wo liegen seine Schwächen und Stärken?
Als Produktionsort von zeitgenössischer Kunst ist Berlin weltweit führend. Seit nun 14 Jahren setzen wir uns dafür ein, das Berlin auch als Handelsplatz von Kunst seiner Rolle als internationale Kunstmetropole gerecht wird.

Wir beobachten eine positive Entwicklung. Wir können bestätigen, dass das Kaufverhalten besser wird. Von Jahr zu Jahr wird auf der BERLINER LISTE mehr gekauft. Das ist auch das Resultat einer sehr kleinteiligen Arbeit, die relevanten Käuferschichten mit dem passenden Angebot zusammen zu bringen.

Natürlich sind wir auch gespannt, welche nationalen und internationalen Impulse der Einstieg der Art Cologne in den Berliner Kunstmarkt auslösen wird und freuen uns über diesen neuen Input im Rahmen der Berlin Art Week.

Nach zwei Jahren im Kraftwerk kehren Sie in diesem Jahr mit der Messe in den frisch sanierten Postbahnhof am Ostbahnhof zurück. Was gab den Ausschlag dafür, die Location zu wechseln?
Nach mehreren Jahren im Kraftwerk haben wir eine Neujustierung der Messe vorgenommen. Der Umzug in den kleineren und architektonisch zurückhaltenderen Postbahnhof bedeutet in einen Raum zu gehen, der den Kunstwerken den Vortritt lässt. Wir finden hier eine Raumsituation vor, die den Räumen der Galerien und Museen sehr ähnelt. Durch die Verkleinerung der Messe haben wir die Möglichkeit, sensibler zu kuratieren und den gestiegenen Qualitätsansprüchen des Berliner Publikums zu entsprechen.

Für diesen Veranstaltungsort spricht die perfekte Anbindung an den öffentlichen Nah- und Fernverkehr und natürlich auch seine zentrale, geschichtsträchtiger Lage, direkt gegenüber der East Side Gallery, dem längsten noch erhaltenen Teilstück der Berliner Mauer und einem der Touristenmagnete der Stadt.

Und außerdem ist es enorm spannend, zu den ersten zu gehören, die den frisch renovierten Postbahnhof einer breiten Öffentlichkeit präsentieren dürfen.

Letztes Jahr haben rund 10.000 Menschen die BERLINER LISTE besucht. Wie sieht das Publikum der Messe aus?
Es ist genauso vielfältig und international wie die Aussteller der LISTE. Die Altersstruktur ist breit gefächert. Man findet unter den Messebesuchern den jungen Mitte-Hippster ebenso wie die pensionierte Lehrerin. Neben Artscouts der großen Sammler sind Kuratoren, viele, nach Talenten Ausschau haltende, Galeristen, aber auch Vertreter institutioneller Sammlungen unter den Gästen.

Weitere Berufsgruppen laden wir ganz gezielt zur LISTE ein: Ärzte, Freiberufler, Beamte, Anwälte, Architekten oder Ingenieure, die über ein frei verfügbares Einkommen verfügen, das zu unserem Preissegment passt.

Nach unserer Beobachtung hat sich in Berlin außerdem eine junge, kauffreudige Schicht entwickelt, die nicht dem Mainstream folgen möchte, sondern das Ausgefallene und Provokante goutiert. Beim Kunstkauf geht es denen weniger um Spekulationsobjekte, sondern um die Relevanz der Kunstwerke in ihrem täglichen Lebensumfeld. Oft sind die Mitglieder dieser Schicht aus dem Gründerumfeld, die gewohnt sind, eigene Urteile zu fällen und Chancen zu erkennen. Unter anderem für diese Gruppe kuratieren wir eine LISTE, die neben marktgängiger Ware auch das Besondere, Überraschende bereithält.

Aber allen unseren Besuchern ist eines gemein: Die Liebe zur zeitgenössischen Kunst.

Welche weiteren Zielgruppen sprechen Sie gezielt an?
Im Prinzip versuchen wir jeden Kunstinteressierten zu erreichen. Wir legen aber besonderes Augenmerk auf die Entwicklung von neuen Käuferschichten für zeitgenössische Kunst. Nach unserer Beobachtung wird der Aufbau des Sammlernachwuchses sträflich vernachlässigt. Wenn sich die ältere Garde der klassischen Sammler nach und nach verabschiedet, dann wird es höchste Zeit, neue Kundenkreise aufzubauen.

Diese Aufbaumaßnahmen sind sehr vielfältig: Kostenloser Eintritt für Schüler und Studenten, Kooperationen mit Schulen und Hochschulen, Seminare zum Aufbau einer Sammlung, auch ohne großes Budget, spezielle Führungen, das alles sind nur einige wenige Bespiele für unsere Aktivitäten auf diesem Gebiet.

Wie schon bei der KÖLNER LISTE wird in diesem Jahr erstmals auch die BERLINER LISTE Edition als Neuerung eingeführt. Welche Idee steckt dahinter?
Wie schon angesprochen entwickelt die LISTE neue Zielgruppen für den Kauf von zeitgenössischer Kunst. Die BERLINER LISTE Edition passt genau in dieses Konzept. Wir lassen zehn Editionen mit einer Auflage von zehn Werken im Hause unseres Kooperationspartners, des Leipziger Kunstverlags Posterlounge, produzieren. Die Auswahl der Werke erfolgt durch das LISTE-Kuratoren-Team, der Preis ist mit 100 Euro vorgegeben und den Verkaufserlös darf der Aussteller behalten. Durch diesen geringen Einstiegspreis für ausgesuchte, spannende Werke wollen wir den Einstieg in eine eigene Sammlung so niederschwellig wie möglich halten und beweisen, dass man eben auch mit kleinem Budget eine tolle Sammlung aufbauen kann.

Abschließend, worauf freuen Sie sich am meisten, wenn im September die 14. BERLINER LISTE ihre Türen öffnet?
Ich freue mich darauf, viele liebe und bekannte Gesichter aus der ganzen Welt wieder zu sehen und neue Menschen kennen zu lernen. Und auf einen ganz besonderen Moment: Nachdem das offizielle Opening beendet ist, bevor die Sicherheitsleute das Licht ausmachen, nehme ich mir eine halbe Stunde, um ganz alleine durch die Ausstellung zu schlendern. Das ist mein privater Moment mit den Werken; in der Regel hundemüde aber glücklich.

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BERLINER LISTE 2017 wird vom 15. bis 17. September 2017 stattfinden.