
Drei nackte Figuren bewegen sich in leuchtendem Pink und Orange über die Leinwand, ihre Köpfe lösen sich in Flächen aus reiner Farbe auf. Nur wenige Schritte entfernt liegt ein schneebedecktes Alpendorf hinter einem Geflecht kahler, blutroter Bäume. Jedes Dach, jedes Fenster ist mit einer Akribie wiedergegeben, die dazu verleitet, sie einzeln zu zählen. Beide Werke stammen vom selben Künstler und entstanden ungefähr zur selben Zeit. Ohne die Signatur würde man sie wohl kaum ein und demselben Maler zuordnen.
Gerade diese Weigerung, künstlerisch an einem Ort zu verharren und sich stilistisch oder thematisch festlegen zu lassen, erscheint mir als das vielleicht Charakteristischste an Glenn Gibbs’ künstlerischer Haltung.

Glenn with Calves, 180×200 cm, Oil on Canvas, 2012
Ein Kanadier in der deutschen Kunsttradition
Glenn Gibbs wurde 1954 im kanadischen Pouce Coupe in British Columbia geboren, verbrachte jedoch den größten Teil seines Lebens in Deutschland, wo er bis heute lebt und arbeitet. Er studierte an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und setzte sich dort intensiv mit der klaren, präzisen Bildsprache der Neuen Sachlichkeit auseinander, insbesondere mit Beckmann und Dix. Ebenso eingehend studierte er die Werke von Balthus und Hockney. Später wurde er an der Kunstakademie Düsseldorf Meisterschüler von Konrad Klapheck. 1989 wurde sein Gemälde „Marientor“ von Johannes Rau, dem damaligen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, angekauft und in der Düsseldorfer Staatskanzlei ausgestellt. Gibbs erhielt im Laufe seiner langen Karriere viel Anerkennung und einige Auszeichnungen. Für Kunstinteressierte ist jedoch vor allem entscheidend, was sich in seinem Werk selbst vollzogen hat.

Glenn with Johannes Rau in 1988
Die vielen Handschriften eines Malers
Da ist ein Maler, der drei Kühe in einer beinahe fotografischen Nahaufnahme festhalten kann: feuchte Nasen, Wimpern, selbst die Schwere eines herabhängenden Ohres scheint spürbar.
Und dann, in einem anderen Raum, löst er eine Gruppe von Männern in abstrakte Flächen und Formen auf, die sich zunächst als Farbe und Geste erschließen und erst danach, wenn überhaupt, als Körper. Hier wird die realistische Darstellung nicht einfach ins Abstrakte überführt, vielmehr handelt es sich um eine vollkommen andere Ausdrucksform. Man könnte sie als assoziative Abstraktion bezeichnen – eine Kunst, die aus einem Reichtum an Farben und Bezügen lebt, in der ein Motiv das nächste hervorruft und das Auge kaum zur Ruhe kommt.
Die kunsthistorischen Strömungen, mit denen Gibbs sich früh auseinandersetzte, insbesondere die intellektuelle Klarheit der Neuen Sachlichkeit bei Beckmann und Dix, sind in seinem Werk weiterhin präsent. Inzwischen stehen sie jedoch neben Surrealismus, Pop Art, fernöstlichen Motiven und vertrauten Gegenständen des Alltags: einem Fahrrad, einer Uhr, einem lackierten Schrank.
Seine Symbolik ist intellektuell und zugleich zutiefst persönlich, bleibt dabei aber zugänglich. Entsprechend experimentiert Gibbs mit seinen Materialien. Glanz, Kanten und Oberflächen werden gezielt eingesetzt, sodass die Art und Weise, wie ein Werk entsteht, selbst zu einem Teil seiner Bedeutung wird.

Glenn GIbbs – An Arrangement of Men 130 x130 cm. Oil on canvas 2013
Wenn das Material zu sprechen beginnt
Um 2015 wandte sich Gibbs von der Ölmalerei ab und begann, mit Acrylfarbe, Epoxidharz, gehämmertem Metall und Plexiglas zu arbeiten. Dahinter stand eine zentrale Frage: Wie stark bestimmt das Material selbst, was wir sehen und empfinden? Glanz, Kanten und räumliche Tiefe waren nun nicht länger bloße Begleiterscheinungen, sondern wurden selbst zum Gegenstand seiner Arbeiten. Nach mehr als einem Jahrzehnt mit diesen Materialien kehrte Gibbs schließlich zu seiner ersten Leidenschaft zurück: zur Ölmalerei und zum Realismus. Nicht als Rückzug, sondern als eine weitere Möglichkeit, sein künstlerisches Spektrum auszuloten.
Glenn Gibbs ist vom 29. Oktober bis 1. November 2026 auf der Discovery Art Fair Frankfurt zu sehen. Dort kann man vor Ort erleben, wie unterschiedlich die Handschriften eines einzigen Künstlers sein können und wie selbstverständlich sie dennoch Teil ein und desselben Werks sind.

Glen Gibbs – Objects of Affection, Öl auf Leinwand, 130×130 cm, 2013
