Es ist ein Gesicht, das mich innehalten lässt. Eine römische Büste, stoisch, gefasst, in Stein versiegelt. Und doch scheint sich darunter etwas zu bewegen. Scham, Staunen, Verzweiflung. Liebe? Die Emotionen flackern über Gesichtszüge, die seit Jahrtausenden unverändert sind, und ich beuge mich näher heran, als könnte ich sie einfangen, bevor sie wieder entschwinden. Darin liegt die eigentümliche Magie von Robert Kretzers Serie „Silent Sirens“. Und sie beginnt lange, bevor die Nadel das Papier berührt.
Robert Kretzer – Stoic, 2025
Vom Entwurf zu Nadel und Faden
Kretzer kommt über die Architektur zur Kunst, und das zeigt sich in einer fast obsessiven Aufmerksamkeit für Struktur und Prozess. Zunächst arbeitet er mit CAD-Software und KI-Programmen und entwickelt digitale Kompositionen mit der Präzision eines technischen Zeichners. Doch diese Bilder sind keine fertigen Werke, sondern Ausgangspunkte. Die eigentliche Arbeit beginnt erst, wenn er sich mit Nadel und Faden hinsetzt und das Bild Stich für Stich von Hand neu aufbaut. Als Träger dient Hahnemühle-Papier mit 300 g/m², jedes Werk misst 70 × 100 cm und entsteht in stiller, hochkonzentrierter Arbeit.
Präzision und Präsenz
Das Ergebnis entzieht sich einer einfachen Einordnung. Aus der Distanz wirken die Arbeiten beinahe fotografisch. Tonwerte und Übergänge sind erstaunlich präzise und entstehen aus Zehntausenden feiner, parallel gesetzter Stiche aus Polyesterfaden, die Schatten, Tiefe und Nuancen geduldig rekonstruieren. Aus der Nähe jedoch zeigt sich die Struktur des Bildes. Winzige, bewusste Setzungen, kleine Unregelmäßigkeiten und die unübersehbare Präsenz der menschlichen Hand treten hervor. Digitales und Physisches sind hier untrennbar miteinander verbunden.
Der atmende Stein
Am Anfang von „Silent Sirens“ steht die römische Büste. In der klassischen Skulptur verkörpert ein solches Gesicht ein Ideal, Ausdruck von Vernunft und Selbstbeherrschung. Kretzer greift dieses Symbol der Beständigkeit auf und setzt es mithilfe von Fotografie, Video und KI-Bildgenerierung in Bewegung. Auf die marmornen Oberflächen projiziert er Emotionen, die wir meist verbergen. Scham, Enttäuschung, Angst, Wut, Verzweiflung, Langeweile, Überforderung oder Liebe.
Es sind Gefühle, die viele von uns in sich tragen. Tiefgreifend, manchmal überwältigend, unausgesprochen und nach innen gekehrt. Für diejenigen, die sie erleben, sind sie dringlich und unausweichlich. Für andere bleiben sie unsichtbar. Der Titel enthält bewusst ein Paradox. Sirenen sind in der Mythologie durch ihre Stimme definiert. Hier bleiben sie stumm. Diese Emotionen machen sich nicht durch Klang bemerkbar, sondern durch ihre Präsenz. So wie Trauer, Freude oder Sehnsucht einen Raum erfüllen können, noch bevor ein Wort gesprochen wird.
Robert Kretzer – CCTV, 2023
Den Algorithmus entschleunigen
In diesem Ansatz liegt eine leise Radikalität. In einer Zeit permanenter digitaler Beschleunigung verlangsamt Kretzer den Prozess bewusst. Er nimmt die Geschwindigkeit algorithmischer Bildproduktion und übersetzt sie in die Geduld der Handarbeit. Innerlichkeit wird sichtbar gemacht, fragil und zugleich präzise, intim und formal streng. Ein antikes Gefäß trägt ein zeitgenössisches Gefühl. Aus einer digitalen Quelle entsteht ein greifbares Objekt, in dem die Zeit selbst spürbar wird.
Eine Serie im Entstehen
„Silent Sirens“ ist eine wachsende Werkreihe. Kretzer entwickelt sie Stück für Stück weiter, Emotion für Emotion, und bis April wird nur ein Teil der Arbeiten abgeschlossen sein. Darin liegt eine gewisse Konsequenz. Das Projekt spiegelt die Erfahrung, die es beschreibt. Sie ist nie abgeschlossen, nie vollständig aufgelöst. Auch wir durchdringen unser Inneres nicht auf einmal.
Wenn Architektur den Halt verliert
Neben „Silent Sirens“ zeigt Kretzer auch Arbeiten aus der Serie „Warped“, die auf ungewöhnliche Weise seinen architektonischen Hintergrund widerspiegelt. Ausgangspunkt sind Fotografien von Gebäuden, deren Perspektiven verschoben und verändert werden, bis sich die Strukturen zu biegen, zu neigen oder in sich zusammenzufallen scheinen. Linien, die einst Halt gaben, beginnen sich zu krümmen. Formen, die auf Dauer angelegt waren, wirken plötzlich fragil.
Auch diese Bilder verbleiben nicht im Digitalen. Sie werden neu gezeichnet und von Hand auf Papier gestickt. Jede Form wird von Grund auf neu aufgebaut, Stich für Stich. Geschwindigkeit wird gegen Präzision eingetauscht, Automatisierung gegen Aufmerksamkeit. Während „Silent Sirens“ sich mit der inneren Welt auseinandersetzt, bringt „Warped“ die äußere Welt ins Wanken. Beide Serien stellen dieselbe leise Frage. Wie stabil ist das, was wir für stabil halten, wirklich?
Robert Kretzer auf der Discovery Art Fair Cologne
Ich freue mich darauf, diese Arbeiten auf der Discovery Art Fair Cologne vom 23. bis 26. April 2026 im Original zu sehen. Wenn Du schon einmal etwas empfunden hast, das sich nicht in Worte fassen ließ, solltest Du sie Dir ebenfalls ansehen.
