
„Was ist das?“ Das habe ich mich gefragt, als ich zum ersten Mal vor den Arbeiten von Janine Seelen stand. Konkret: Ist das eine Grafik, ein Gemälde, eine Mischtechnik, ein Pastell? Meine Reaktion war instinktiv, letztendlich aber unbedeutend. Denn die von dieser außergewöhnlichen Künstlerin entwickelte Technik dient vor allem als Grundgerüst eines festgehaltenen Moments – eines flüchtigen Augenblicks –, den Janine Seelen mit großer Begeisterung im Gedächtnis bewahrt.
Ihre Werke verleihen alltäglichen Gegenständen, vergänglichen Gedankennotizen und den (un)bemerkenswerten Momenten des Alltags Ewigkeit. Das eindringlichste Element in allen Werken ist hierbei die gekonnt hervorgerufene Atmosphäre, denn ihre Werke sind gleichermaßen intim und universell, taktil und unerreichbar, merkwürdig im Sinne des Wortes und nah am Herzen.
Aus Anlass der Discovery Art Fair Cologne 2025 hatte ich die Gelegenheit, mit Janine Seelen über ihre Arbeit und ihre neueste Serie RESET. zu sprechen, die sie auf der bevorstehenden Messe präsentiert.

Janine Seelen – CONTROL., pastel on canvas, 2025
Alles ist miteinander verbunden
Ana Bambic Kostov: Ihr Werk erschafft eine intime, vertraute und doch fremde Atmosphäre. Wie wählen Sie Ihre Themen aus?
Janine Seelen: Alles ist miteinander verbunden. Meine Themen finde ich, wenn ich die Routine verlasse – auf Reisen, beim Beobachten, beim Innehalten. Häufig verpassen wir bemerkenswerte Momente, weil wir zu unaufmerksam sind. Wenn ich mir aber die Zeit gebe innezuhalten und tatsächlich hinzusehen, dann offenbaren sich mir Momente und Szenen. Ich war beispielsweise in Kalifornien auf der Suche nach dem Handlungsort von Hitchcocks Die Vögel und stieß dort auf einen verlassenen Tennisplatz, eingetaucht in winterliches Licht. Das war unheimlich und gleichzeitig fesselnd. Da wusste ich, dass ich ein neues Motiv gefunden hatte.

Janine Seelen – CONTROL., detail, pastel on canvas, 2025
Ana Bambic Kostov: Ihre Gemälde fangen vergängliche Momente ein, ähnlich der Einsicht eines Kindes, dass zwei Augenblicke niemals gleich sind. Beeinflusst dieses Konzept Ihren Gestaltungsprozess?
Janine Seelen: Das ist ein guter Gedanke. Diese Erkenntnis – dass wir einen Moment niemals erneut erleben können – ist der Motor meines Werks. Ich kann diese Augenblicke zum Glück beobachten und festhalten, und zwar in dem Bewusstsein, dass viele andere Menschen dies nicht können, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, sich abzumühen oder zu überleben. Diese Gedanken und Reflexionen sind Teil meiner Kunst.

Janine Seelen – NOISE., pastel on canvas, 2025
Von Grafikdesign zu sensorischen Bildkompositionen
Ana Bambic Kostov: Ihr Hintergrund im Bereich Grafikdesign ist offenkundig, er zeigt sich darin, wie Sie Ihre Kompositionen gestalten. Wie kam es denn zum Übergang zur Malerei?
Janine Seelen: Als Grafikdesignerin war ich erfolgreich – als Mitgründerin einer Agentur in New York haben wir für Marken wie Chanel und große Verlagshäuser gearbeitet. Nach 30 Jahren war ich ausgelaugt. Ich war keine gute Chefin, Ehefrau oder Mutter mehr. Schon ein paar Jahre vor meinem Re-Start, hatte mir ein Coach geraten, den richtigen Moment für einen Richtungswechsel abzuwarten. Die E-Mail eines Kunden veranlasste mich mir selber in Sachen Grafik-Design zu kündigen. Nach einem Jahr der Selbsterkundung war mir klar, dass ich Vollzeit als Malerin arbeiten wollte. Ich habe also mit 55 angefangen, und viele meinten, ich sei verrückt. Die Entscheidung war aber richtig.

Janine Seelen – NOISE., pastel on canvas, detail, 2025
Ana Bambic Kostov: Wie haben Sie denn Ihre Technik entwickelt?
Janine Seelen: Ich wollte physische Nähe zur Leinwand. Nach so vielen Jahren mit Maus und Bildschirm habe ich mich nach direktem Kontakt gesehnt. Mein Medium wurde ursprünglich für Picasso entwickelt – Ölpastell. Durch die cremigen Stifte habe ich eine eigene Technik entwickelt, mit der ich besondere Hintergründe und Oberflächen entstehen lasse. Ich schichte die Farben übereinander und arbeite dann Strukturen heraus und lege verborgene Texturen frei. Ich akzeptiere die Unvorhersehbarkeit und lasse mich vom Bild leiten.
Ana Bambic Kostov: Auf den ersten Blick wirken Ihre Farben gedämpft und fast monochrom, sie sind jedoch reichhaltig und komplex. Wie ist Ihr Ansatz, was Farben betrifft?
Janine Seelen: Meine Ölpastelle beinhalten reinste Pigmente. Dadurch kann ich alle Farbtöne perfekt abmischen und zum Leuchten bringen. Die vielen Nuancen aus denen meine Schatten und Strukturen bestehen, erzeugen Tiefe und Emotion. Das Ergebnis ist eine Impression, ein in der Zeit schwebender Augenblick.
Ana Bambic Kostov: Wie denken Sie über diejenigen, die Ihre Werke sammeln? Stellen Sie sich den idealen Betrachtenden vor?
Janine Seelen: Sobald ein Bild fertig ist, lasse ich los. Dass das Bild bei jemandem Anklang findet, ist alles, was zählt – ganz gleich ob durch Kauf oder Auseinandersetzung. Manche Sammelnden möchten die Geschichte hinter dem Werk hören, andere erfinden ihre eigene … das ist das Schöne an der Kunst.

Janine Seelen – PUSH., pastel on canvas, 2025
RESET.
Ana Bambic Kostov: Auf der kommenden Discovery Art Fair stellen Sie Ihre neue Serie RESET. vor. Was hat sie inspiriert?
Janine Seelen: RESET. ist eine Antwort auf unsere Zeit. Die Serie zeigt überdimensionale Darstellungen von Schaltern, Knöpfen und Reglern – also von Gegenständen, die wir jeden Tag benutzen, ohne darüber nachzudenken. Die Inspiration dazu lieferte mein Besuch des berühmten Chemosphere House in Los Angeles, das John Lautner 1960 entworfen hat. Die Motive in diesen Bildern sind tatsächlich Einzelheiten aus Fotos, die ich im Inneren dieses ikonischen Hauses aufgenommen habe. Erst haben mich die Räume an sich fasziniert. Als ich dann die Ausstattung innen – die Sprechanlage, die Lichtschalter und die Schalttafeln – bemerkt habe, haben mich ihr Design und ihre Funktion gefesselt. Aus dem Kontext gerissen, werden sie mehrdeutig. Was passiert, wenn man einen Knopf drückt? Geht das Licht an, oder geschieht vielleicht etwas Unheilvolles? Das spiegelt die Unsicherheit unserer heutigen Welt wider.

Janine Seelen – PUSH., pastel on canvas, detail, 2025
Ana Bambic Kostov: In diesem Konzept steckt eine dezente Spannung – etwas Vertrautes und zugleich Beunruhigendes.
Janine Seelen: Ganz genau. Diese Werke laden zur Interaktion ein, und die Menschen wollen sie instinktiv schieben, drehen oder wenden. Manche verspüren Neugier, andere ein Unbehagen, und das ist genau die Reaktion, die ich beabsichtige: Menschen zum Innehalten und Nachdenken bringen.
Ana Bambic Kostov: Ihre künstlerische Reise ist wirklich inspirierend. Sie sind der Beweis dafür, dass eine Neuerfindung in jedem Alter möglich ist.
Janine Seelen: Vielen Dank. Ich betrachte mich als „junge alte“ Künstlerin. Die Kunstwelt steht Neulingen in meinem Alter skeptisch gegenüber, aber ich sehe die letzten fünf Jahre als meine ganz persönliche Kunstschule. Ich bin jetzt bereit für die nächsten Schritte, durch Ausstellungen und einer Galerievertretung. Auf diesem Weg ist die Discovery Art Fair ein bedeutender Meilenstein.
Ana Bambic Kostov: Ich freue mich darauf, Ihre Arbeiten persönlich zu sehen – vielen Dank für dieses Gespräch.
Janine Seelen: Danke Ihnen. Ich hoffe, meine Bilder sprechen für sich.
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In den Genuss, die Arbeiten von Janine Seelen zu sehen, kommen Sie auf der bevorstehenden DAF Cologne vom 3. bis 6. April 2025 in der XPost, Stand C16.

Janine Seelen – REPLACEIFFLASHING., pastel on canvas, 2025

Janine Seelen – REPLACEIFFLASHING., detail, pastel on canvas, 2025