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Offene Tore: Der demokratische Geist der Discovery Art Fair

Discovery Art Fair Frankfrut 2026

Wer in dieser Woche die Discovery Art Fair Frankfurt (DAF) besucht, wird vielleicht Zeuge von zwei Arten von Gesprächen. An einem Stand führt ein Galerist einen Sammler durch das Schaffen einer Künstlerin bzw. eines Künstlers. Ein paar Stände weiter erklärt eine Künstlerin ihr eigenes Gemälde jemandem, der noch nie ein Kunstwerk gekauft hat. Beides findet zur selben Zeit statt, im selben Raum.

Ich habe in letzter Zeit viel über Demokratie nachgedacht. Darüber, wer eine Stimme bekommt, wer sich präsentieren darf und wer entscheiden darf. Und dabei komme ich immer wieder auf eine Messe zurück, über die ich schon seit Jahren schreibe, denn die Discovery Art Fair schafft etwas, womit sich viele Kunstinstitutionen seltsam schwertun.

Sie kuratiert, aber sie grenzt nicht aus.

Discovery Art Fair Frankfrut 2026

Discovery Art Fair Frankfrut 2026 Press Tour

Wer entscheidet, was gut ist?

Ich habe schon so manche elitäre Messe und Kunstinstitution besucht und miterlebt, wie dort mit dem umgegangen wird, was als minderwertig gilt. Die hochgezogene Augenbraue, der Hinweis „Preis auf Anfrage“ und die stillschweigende Annahme, man müsse bereits bei der Ankunft wissen, was man da gerade betrachtet.

In seiner BBC-Reith-Vortragsreihe 2013 gab Grayson Perry seinem Eröffnungsvortrag den Titel „Democracy Has Bad Taste“ (Demokratie hat schlechten Geschmack). Sein Argument: Qualität in der Kunst lasse sich nicht messen, also werde sie von einem kleinen Kreis aus Kurator*innen, Händler*innen, Sammler*innen und Kritiker*innen bewertet, während das Publikum an letzter Stelle stehe. Ich würde diesem Titel jedoch widersprechen. Obwohl er Recht hatte – allerdings im Jahr 2013.
Heute bin ich der Meinung, dass der Geschmack der Demokratie unterschätzt wird.

Wir alle wissen, dass nicht jedes teure Kunstwerk großartig ist. Und ebenso ist nicht jede erschwingliche Kunst Schrott.
Ganz im Gegenteil!
Zu erwarten, dass Menschen erst einen Abschluss in Kunstgeschichte vorweisen müssen, bevor sie ein Gemälde genießen dürfen, ist im Jahr 2026 schlicht einfach nicht realistisch. Die meisten von uns werfen nur einen flüchtigen Blick auf Kunst – irgendwo zwischen Arbeit, Schulweg der Kinder und endlosem Scrollen. Wenn sich das Tor nur für Eingeweihte öffnet, werden die meisten Menschen nie hindurchgehen.

Discovery Art Fair Frankfrut 2026

Discovery Art Fair Frankfrut 2026

Der direkte Zugang

Genau dieser direkte Ansatz macht die DAF so besonders – und er ist fest im Konzept der Messe verankert. Künstler*innen können ausstellen, ohne dass eine Galerie den Weg zwischen ihnen und dem Publikum versperrt. Messeleiter Jörgen Golz brachte es 2024 in einem Interview auf den Punkt: „Wir ermöglichen den Künstler*innen die Teilnahme ohne jegliche Zwischeninstanzen.“ In weiten Teilen der Kunstwelt stellen Galerien aus, und Künstler*innen warten darauf, ausgewählt zu werden. Bei der DAF können sich Künstler*innen in eigenem Namen bewerben.
Die Messe beschreibt dies als ihren inklusiven Kerngedanken: Künstler*innen, Galerien und Projekträume „stellen nebeneinander aus und benötigen das gleiche Maß an Aufmerksamkeit“. Das spürt man auf beiden Seiten des Messestandes. Künstler*innen sprechen mit eigenen Worten über ihre eigenen Werke. Besucher*innen begegnen dem Menschen, der das Werk geschaffen hat, und nicht nur der Person, die es verkauft. Oft genug wird der Grundstein für eine Sammlung genau mit diesem Gespräch gelegt.

In seinem Buch „Art as Experience“ (Kunst als Erfahrung) schrieb John Dewey: „Kunst ist die wirksamste Form der Kommunikation, die es gibt.“ Dem stimme ich voll und ganz zu, doch für die Kommunikation über Kunst braucht es mindestens zwei Menschen im selben Raum. Und die Discovery Art Fair sorgt dafür, dass der Kunstschaffende einer von ihnen sein kann.

Discovery Art Fair Frankfrut 2026 Press Tour

Discovery Art Fair Frankfrut 2026 Press Tour

Kuratiert, aber nicht abgeschottet

Offenheit bedeutet nicht, dass alles erlaubt ist. Die DAF hat Regeln, ein Auswahlverfahren und eine Jury aus Fachleuten der Kunstszene. Ihr Programm „Discover a Talent“ (Entdecke ein Talent) wird von etablierten Galerien unterstützt und bietet aufstrebenden und noch unbekannten Künstler*innen eine eigene Bühne. Bei jeder neuen Ausgabe der Messe sind neben bekannten Namen auch Galerien und Künstler*innen vertreten, die zum ersten Mal dabei sind. Auch Kritik ist hier willkommen. Eine Messe, die alle zum Betrachten einlädt, lädt auch alle dazu ein, sich eine Meinung zu bilden.

Der Unterschied liegt in der zugrunde liegenden Vorstellung. Beim sogenannten „Elite-Gatekeeping“, der Beschränkung auf elitäre Auserwählte, muss man erst beweisen, dass man dazugehört, bevor man zugelassen wird. Die DAF hingegen lässt jeden hinein und überlässt es dem Werk, für sich selbst zu sprechen.

Es wert sein, Aufsehen zu erregen

Und dann gibt es noch ein weiteres Element, das h dem Kunstmarkt von einer spielerischen Seite nähert. Die „Silent Auction“ (Stille Auktion) feierte letztes Jahr in Frankfurt Premiere und kehrt im Rahmen der diesjährigen Ausgabe zurück: Besucher geben geheime Gebote auf ausgewählte Werke ab. Es gibt kein wirkliches Bietergefecht, vielmehr nur Sie und einen Betrag, mit dem Sie sich wohlfühlen. Und eine stille, gespannte Vorfreude.

Nennen Sie es ruhig Gamifizierung, wenn Sie es möchten. Ich nenne es eine sehr clevere Methode, um die Hemmschwelle beim Kauf von Kunst abzubauen. Viele Menschen würden in einem Auktionssaal niemals die Hand heben. Bietet man ihnen jedoch eine unauffällige Möglichkeit, ein Gebot abzugeben, fühlt sich das Sammeln plötzlich wie etwas an, das auch ihnen erlaubt ist.

Discovery Art Fair Frankfrut 2026

Discovery Art Fair Frankfrut 2026

Der Preis eines offenen Zuganges

Offenheit hat ihren Preis, und es ist nur fair, ihn beim Namen zu nennen. Wenn die Tore offenstehen, ist nicht jedes Werk, das hereingelangt, vollends ausgereift. Manche Stände wirken weniger hochwertig als andere, und manche Besucher werden das auch zum Ausdruck bringen. Das ist völlig in Ordnung.

Allerdings brauchen viele Künstler*innen genau diese Bühne, um sich weiterzuentwickeln: ein echtes Publikum, echtes Feedback, echte Verkäufe. Qualität steigt nicht dadurch, dass man die Tore verriegelt. Sie entsteht durch Sichtbarkeit, Mentoring und Unterstützung – und genau dafür sind Programme wie „Discover a Talent“ gedacht. Wer die Tore verschließt, schützt das heute auf Hochglanz Polierte, tut dies jedoch auf Kosten der Talente von morgen.

Offene Bereiche

Hervorragende Kunst entsteht nicht nur in eingezäunten Gärten. Einige der interessantesten Kunstwerke, die ich je gesehen habe, wurden in offenen Bereichen geschaffen, wo am Eingang niemand die Zugangsberechtigung überprüfte. Alles war frei zugänglich und blühte auf. Und ich halte jedes Jahr, wenn ich wiederkomme, Ausschau danach.

Die Discovery Art Fair Frankfurt findet noch bis zum 1. November 2026 in der Messe Frankfurt, Halle 1.2, statt. Kommen Sie vorbei und schauen Sie sich um. Sprechen Sie mit den Künstler*innen. Geben Sie ein stilles, geheimes Gebot ab. Und wenn Sie mit einer eigenen Meinung – sei sie auch kritisch – nach Hause gehen, hat die Messe genau das erreicht, was sie sich zum Ziel gesetzt hat.

Fotos: Holger Peters