
Ein Mann schreit, den Mund weit aufgerissen, den Kopf zurückgeworfen vor einer flammenden Wand aus Orangerot. Die Szene wirkt seltsam vertraut. Nicht dieses Gesicht, aber dieser Schrei. Seine kunsthistorische Spur führt von Velázquez über Francis Bacon bis zu Dante Galics Harald-Serie, die über einen Zeitraum von sieben Jahren entstanden ist und nun auf der Discovery Art Fair Frankfurt zu sehen sein wird.
Das Gesicht gehört Harald. 2019 kam Galic in einer Berliner Bar namens Herman Schultz mit einem Fremden ins Gespräch, einem Mann von beeindruckendem Intellekt und einer Traurigkeit, die nicht weichen wollte. Irgendwann während ihrer langen Gespräche über Kunst, Kino und Gefühle beschrieb Harald das Leben als einen Gang durch einen Wald aus Rasierklingen. Dieses eine Bild wurde zu einer Art Auftrag für Galic: dem Schmerz, den die meisten von uns in sich tragen und den nur wenige zu benennen wagen, das Gesicht eines einzelnen Menschen zu geben.

Dante Galic in his studio
Vom Papstthron zu Bacons Käfig
Was als fotografische Zusammenarbeit im Atelier begann, entwickelte sich bald zu einer Auseinandersetzung mit kunsthistorischen Vorbildern. Zunächst inszenierte Galic Harald sitzend und frontal, in Anlehnung an Velázquez’ „Porträt von Papst Innozenz X.“
Die Haltung vermittelt Autorität und Selbstbeherrschung, der Körper erscheint wie für ein repräsentatives Porträt in Szene gesetzt. Doch dann beginnt diese kontrollierte Darstellung aufzubrechen.
Als entscheidender Bezugspunkt erwies sich schließlich Francis Bacon, und mit ihm kam ein radikaler Methodenwechsel. Feine Linien und dünne Lasuren wichen einem pastosen Farbauftrag, dem Einsatz des Spachtels und intensiven Rottönen, die weniger aufgetragen als auf die Leinwand geschüttet wirken. Aus den statischen Porträts wurden Bilder von großer körperlicher und emotionaler Unmittelbarkeit.

Dante Galic
Ein Geschichtenerzähler, der Kunst zur Waffe macht
Der 1996 in Kroatien geborene Dante Galic lebt und arbeitet heute im dänischen Odense. Als Autodidakt hat er eine eigenständige Bildsprache entwickelt, die er selbst als „Neo Grotesque“ bezeichnet. Darin treffen die Alten Meister auf Goyas düstere Visionen, eine Prise Surrealismus und Einflüsse aus der Comicwelt. Er mischt seine Pigmente selbst, spannt organisches Leinen und Hanf auf und rahmt einige seiner Arbeiten mit wiederverwendetem Holz indonesischer Boote. Der ökologische Gedanke ist dabei keine Randnotiz. Er gehört zum Selbstverständnis eines Künstlers, der darauf besteht, dass Kunst „eine Waffe“ und „eine Chronik unserer Zeit“ sei und nicht etwas, das farblich zum Sofa passen soll.
Die interessanteste Frage ist vielleicht, ob es sich bei den Harald-Bildern überhaupt um Porträts handelt. Denn, über sieben Jahre hinweg wird das Gesicht eines trauernden Fremden in einer Serie aufgerissener Münder zum Spiegel eines Schmerzes, in dem sich letztlich jeder von uns wiedererkennen kann.
Dante Galics Harald-Serie ist vom 29. Oktober bis 1. November 2026 auf der Discovery Art Fair Frankfurt zu sehen und lädt dazu ein, sich selbst ein Bild von dieser eindringlichen Auseinandersetzung mit Schmerz und menschlicher Verletzlichkeit zu machen.

Dante Galic studio
