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David Gunderlach: Den Lärm der Gegenwart malen

David Gunderlach - Last exit, 80x120,mixed media

Das Erste, was man wahrnimmt, ist das Chaos. Eine knallpinke Leinwand, die vor karikierten Figuren explodiert. Ein gelber Schriftzug, der „ZZOONG“ ruft. Eine Sprechblase, die darauf besteht: „Diese Welt braucht mehr als ein Lächeln.“ Man lacht. Dann schaut man genauer hin und das Lachen bleibt einem im Hals stecken.

David Gunderlach malt seit vier Jahrzehnten das Chaos der Gegenwart. Seine Arbeiten kommen auf einen zu wie die Rushhour in einer Großstadt: dicht, überreizt, gelegentlich zärtlich und unmöglich zu ignorieren.

David Gunderlach - Feed me I am hungry, 50x50, mixed media, 2024

David Gunderlach – Feed me I am hungry, 50×50, mixed media, 2024. Foto: Michael Lüder

Ein Material, das seine eigene Bühne schafft

Seit er 1985 dicke, widerstandsfähige Kunststofffolien entdeckte, nutzt Gunderlach sie fast ausschließlich als Bildträger. Zwei transparente Schichten sind etwa fünf Zentimeter voneinander entfernt und bilden eine flache Bühne zwischen sich. Farbe, die auf beide Oberflächen aufgetragen wird, verläuft und bricht sich gegenseitig. Alltagsgegenstände – etwa eine Spielfigur, ein Zahnrad oder eine Spiegelkugel – werden in dem Zwischenraum fixiert wie Fundstücke des zeitgenössischen Lebens, die zwischen Glas gepresst sind. Das Ergebnis ist zugleich Malerei, Relief und Vitrine. Intim und doch konfrontativ. Spielerisch und zugleich absolut ernst.

David Gunderlach - Mom knows it better, 50x50, mixed media, 2024

David Gunderlach – Mom knows it better, 50×50, mixed media, 2024. Foto: Michael Lüder

Zwischen Zeichnung und Abstraktion

Was Gunderlachs Arbeiten sofort erkennbar macht, ist die Spannung, die er zwischen Figuration und expressivem Chaos hält. Karikaturhafte Figuren, locker gezeichnete, beinahe comicartige Gesichter und Körper, mit selbstbewussten schwarzen Linien umrissen, tauchen aus Feldern beinahe gewaltsamer Farben auf: verbranntes Orange, säuregrünes Grün, Magenta, das förmlich von der Oberfläche vibriert. Er arbeitet schnell und das kann man spüren. Pinselstriche verlaufen gleichzeitig in alle Richtungen. Das Auge findet keinen festen Ruhepunkt. Hier arbeitet ein Geist mit voller Drehzahl – sichtbar gemacht als das, was er mit dem buddhistischen Begriff „Monkey Mind“ bezeichnet.

David Gunderlach - Ohne Titel, 140x190, acryl on canvas mixed media, 2021

David Gunderlach – Ohne Titel, 140×190, acryl on canvas mixed media, 2021. Foto: Michael Lüder

Sprache als Rückgrat

Wenn Worte in Gunderlachs Arbeiten erscheinen, sind sie keine Dekoration, sondern ihr Kern. Manchmal verankert ein einziger Satz die gesamte Komposition: „Mom, you told me this world is a wonderful place“, geschrieben in der Handschrift eines Kindes, neben einem expressiven Porträt, das gleichermaßen Zärtlichkeit und Trauer in sich trägt.

An anderer Stelle wird Text selbst zur Textur: dichte poetische Passagen, über die Plexiglasschichten geschrieben und teilweise von Farbe überdeckt, zwingen die Betrachtenden, näher heranzutreten und zwischen den Pinselstrichen zu lesen. Das Bild illustriert die Botschaft, und die Botschaft vertieft das Bild. Keines von beiden ist ohne das andere vollständig.

David Gunderlach - Untitled, 50x60, mixed media

David Gunderlach – Untitled, 50×60, mixed media. Foto: Michael Lüder

New York hat ihn nie verlassen

1987 verbrachte Gunderlach ein prägendes Jahr in New York, trat in den Galerien von Leo Castelli und Ilona Sonnabend auf und sog die Energie von Basquiat, Warhol und Lichtenstein auf. Diese Stadt hat seine Leinwände nie ganz verlassen. Seine Arbeiten besitzen den Rhythmus einer urbanen Straße. Ein Raster aus tief kobaltblauen Tafeln bewahrt die Erinnerung an die Berliner Mauer. Die Silhouette einer Stadt, in neonorangenen Flammen gezeichnet, erhebt sich vor dunklem Grund wie eine Fieberkurve. Das Gesicht eines Politikers verwandelt sich in das Grinsen eines Hais. Die Satire ist unverblümt, die Emotion roh und beides trifft einen gleichzeitig.

David Gunderlach - Starfi ghter II, 90x120, mixed media

David Gunderlach – Starfi ghter II, 90×120, mixed media. Foto: Michael Lüder

David Gunderlach auf der DAF Cologne 2026

Der gleiche Maler, der eine große Leinwand mit der frenetischen Energie von Graffiti füllen kann, reduziert im nächsten Raum alles beinahe bis zur Stille: In „Transformation“ lösen sich übereinander geschichtete Figuren über die Plexiglasflächen hinweg ineinander auf, und das expressive Chaos weicht etwas Langsamerem, Kontemplativerem. Turbulenz und Stille gehören gleichermaßen zu seinem Werk.

David Gunderlach präsentiert eine Auswahl seiner Arbeiten auf der Discovery Art Fair Cologne vom 23. bis 26. April 2026.

Titelbild: David Gunderlach – Last exit, 80×120,mixed media. Alle Foto: Michael Lüder