{"id":6242,"date":"2016-09-13T14:16:05","date_gmt":"2016-09-13T14:16:05","guid":{"rendered":"http:\/\/discoveryartfair.com\/de\/?p=6242"},"modified":"2017-07-09T14:28:09","modified_gmt":"2017-07-09T14:28:09","slug":"martin-george-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/discoveryartfair.com\/de\/martin-george-interview\/","title":{"rendered":"Moderne australische Skulpturen setzen auf Ironie \u2022 Ein Interview mit Martin George"},"content":{"rendered":"<p><strong>Martin George<\/strong>, ein australischer Bildhauer aus Melbourne, wird mit der Berliner Liste 2016 seine erste Messeteilnahme in Europa begehen. Seine in Australien weit bekannten monumentalen Stahl- und Marmorplastiken zeugen von der Ironie einer australischen Gesellschaft und deren ironischem Umgang mit den Begebenheiten unserer heutigen Welt. Martin George ist ein engagierter K\u00fcnstler mit einem ironischen Sinn f\u00fcr Humor. Er schafft gro\u00df angelegte moderne Skulpturen, die von allen Seiten betrachtbar sind. W\u00e4hrend einige seiner Plastiken von verdrehten Formen und Knoten gekennzeichnet sind, werden andere unerwartet auf die Wand projiziert. Der K\u00fcnstler liebt es, scheinbar unvereinbare Objekte zu kombinieren mit der Absicht sein Publikum zum Lachen zu bringen \u2013 in einer seiner Arbeiten hat er z.B. ein \u00fcberdimensioniertes 20 Kilo Industriegewicht auf einem eleganten Marmortisch platziert. In unserem Interview \u00a0sprachen wir \u00fcber seine vergangenen Reisen durch Europa und seine Pl\u00e4ne f\u00fcr die Berliner Liste 2016.<\/p>\n<p><strong>Martin, du bist urspr\u00fcnglich aus Australien, aber du hast dich entschieden im Zuge der Teilnahme an der Berliner Liste einen weiten Weg auf dich zu nehmen. Wann hast du das erste Mal von unserer Messe geh\u00f6rt und wie kam es zur Entscheidung her zu kommen. <\/strong><\/p>\n<p><em>Martin George: Ja es ist ein langer Weg hierher \u2013 \u00fcber 16.000 Kilometer! Aber da Australien ja auf der anderen Seite der Welt liegt, sind wir gezwungen zu reisen\u2026 Letztes Jahr war ich in Deutschland zu einer Hochzeit von meinem Freund in Hawangen, Bayern. Leider hatte ich nicht die Zeit wirklich in die Berliner Kunst- und Kulturszene einzutauchen, weil ich nur f\u00fcr drei Tage hier war \u2013 deswegen habe ich beschlossen, ich komme zur Berlin Art Week wieder. Ich habe durch einen Kunsth\u00e4ndler in Melbourne von der Berliner Liste erfahren. Er erz\u00e4hlte mir von der sich schnell ver\u00e4ndernden und wachsenden hiesigen Kunstindustrie und das Berlins Perspektiven in Sachen zeitgen\u00f6ssischer Kunst bemerkenswert seien und so wollte ich nat\u00fcrlich ein Teil davon sein.<\/em><\/p>\n<p><strong>Hast du bereits an anderen europ\u00e4ischen Messen Teil genommen oder vielleicht einige gro\u00dfe St\u00e4dte der \u201ealten Welt\u201c besucht? Was waren deine Eindr\u00fccke?<\/strong><\/p>\n<p><em>MG: Ich habe Europa viele Male besucht, da ich Familie in Deutschland, Kroatien und \u00d6sterreich habe \u2013 es ist jedoch meine erste Messeteilnahme in Europa. Ich habe Galerien und Museen in ganz Europa besucht und es gibt wirklich erstaunliche Sammlungen auf dem gesamten Kontinent. Noch beeindruckender als die Kunstwerke selbst, war die Art wie sie in weiten Teilen der \u201ealten Welt\u201c angenommen werden. Die \u00d6ffentlichkeit hat hier eine st\u00e4rkere Bindung zur Bildenden Kunst, ob nun in den gro\u00dfen Museen oder den dunkelsten, alternativen Kunstr\u00e4umen. Man sp\u00fcrt dieses Engagement und die Verpflichtung die gegenw\u00e4rtige Kunst als Eigentum der gro\u00dfen Gemeinschaft zu wahren.<\/em><\/p>\n<p><strong>Wir wollen noch mehr \u00fcber deine Kunst erfahren. Woher hast du deine Inspirationen f\u00fcr deine \u00fcberdimensionalen Plastiken aus Stein und Metall bekommen?<\/strong><\/p>\n<p><em>MG: \u00dcberdimensionierte Skulpturen zu schaffen liegt mir im Blut \u2013 ich bin gelernter Maschinenbauingenieur und habe in der Vergangenheit Br\u00fccken und Teile f\u00fcr Kraftwerke gebaut, sodass ich gro\u00dfe Ma\u00dfst\u00e4be gewohnt bin. Ich schaffe immer in gro\u00dfen Ma\u00dfst\u00e4ben. Ich mag es wie dieser Ma\u00dfstab auf den Betrachter wirkt und wie es mehrere Herangehensweisen innerhalb einer Arbeit erlaubt. Aus der Ferne betrachtet ist eine gro\u00df angelegte Arbeit ein Teil seiner Umgebung, in die sie eingebettet ist \u2013 ihre Interaktion bietet einen k\u00fcnstlerischen Kontext. Dieselbe Skulptur steht vor einer Klippe \u00fcber dem Meer oder umgeben von Fabriken in einer weiten Ausdehnung einer Vorstadt, dessen Kontext nur fassbar ist aus einer weiten Perspektive. Kommt man n\u00e4her beginnt die monumentale Arbeit eine eindringliche Wirkung auf den Betrachter zu haben, einfach durch die physische Dimension der Arbeit, die jetzt den Raum dominiert. Steht man schlie\u00dflich direkt vor der Arbeit, l\u00f6st sich alles in Linien und Strukturen, den Glanz von Stahl oder Kristalladern des Marmors auf. Bei dieser Betrachtung r\u00fccken das Material und die Handschrift des K\u00fcnstlers in den Vordergrund und der gro\u00dfe Kontext verblasst und verschwindet.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_6146\" style=\"width: 1150px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6146\" src=\"https:\/\/discoveryartfair.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Martin-Georges-Portrait-Left-Industrial-Pommel-Right.jpg\" alt=\"Martin George&#039;s Portrait (Left) \/ Industrial Pommel (Right)\" width=\"1140\" height=\"600\" class=\"size-full wp-image-6146\" srcset=\"https:\/\/discoveryartfair.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Martin-Georges-Portrait-Left-Industrial-Pommel-Right.jpg 1140w, https:\/\/discoveryartfair.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Martin-Georges-Portrait-Left-Industrial-Pommel-Right-300x158.jpg 300w, https:\/\/discoveryartfair.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Martin-Georges-Portrait-Left-Industrial-Pommel-Right-768x404.jpg 768w, https:\/\/discoveryartfair.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Martin-Georges-Portrait-Left-Industrial-Pommel-Right-1024x539.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1140px) 100vw, 1140px\" \/><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-6146\" class=\"wp-caption-text\">Martin George (Links) \/ Industrial Pommel (Recht)<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Deine skulpturalen Objekte sollen in die bauliche Umgebung intervenieren. Wie beschreibst du den dahinter liegenden k\u00fcnstlerischen Prozess? Wie w\u00e4hlst du die Orte aus, an denen du deine Werke aufstellst?<\/strong><\/p>\n<p><em>MG: Ich bin in Melbourne geboren und aufgewachsen und es scheint als seien dort alle irgendwie in die Street Art involviert. Manche meiner Freunde besuchen Melbourne nur um dort Arbeiten zu hinterlassen und dadurch in der Szene drin zu sein. Meine Form der Interventionen gr\u00fcnden auf dem Zusammenspiel zwischen Skulptur und der Lage- und Ortsbestimmung. Eine meiner Lieblings-Interventionen ist eine abstrakte Frau, die in einem Regenwasserablauf in Knox (ein \u00f6stlich gelegener Vorort von Melbourne) Sonnen badet. Der gew\u00e4hlte Ort gibt dem Kunstwerk den passenden Rahmen, den ich in einer Galerie mit wei\u00dfen W\u00e4nden so nicht erzeugen k\u00f6nnte. F\u00fcr diese Arbeit habe ich mit einem Street Art K\u00fcnstler zusammengearbeitet namens ZEITS \u2013 er spr\u00fchte das Badetuch und ich gestaltete die Form. Urbane Intervention ist die unverf\u00e4lschte und wilde Variante meiner Kunst. Ich w\u00e4hle Kunst f\u00fcr den Galeriekontext, von der ich wei\u00df sie funktioniert f\u00fcr sich selbst. Urbane Intervention ist spannend, weil sich die Skulptur in eine bereits existierende Geschichte einf\u00fcgt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Was sind deine Erwartungen und Ziele f\u00fcr die Berliner Liste 2016? Beabsichtigst du Galerien in Europa zu finden, mit denen du zusammen arbeiten kannst?<\/strong><\/p>\n<p><em>MG: Im Moment denke ich nicht daran, was mich erwartet, sondern ich bin froh, wenn alle meine Werke sicher hier ankommen. Heute Morgen habe ich eine Nachricht bekommen, dass mein Container von Beamten in Hamburg durchsucht wurde \u2013 ich hoffe nur die Hamburger Beamten m\u00f6gen gro\u00dfe abstrakte Plastiken aus Stahl\u2026 Mal im Ernst \u2013 meine Arbeiten sind in Australien bereits sehr bekannt und nach Berlin zu kommen und meine Arbeit der hiesigen Kritik auszusetzen, soll mich auch weiter in meiner Praxis voranbringen. Berlin hat zahlreiche Kunstkenner und es w\u00e4re wundervoll einen Galeristen zu finden, der Potenzial in meinem Schaffen sieht. Ich sehe diesen Besuch gewiss auch als den Beginn einer weiterf\u00fchrenden Verbindung zur Berliner Kunstszene. Nebenbei \u2013 ich mag Deutsche \u2013 ich selber habe eine Deutsche geheiratet!<\/em><\/p>\n<p><strong>Wie w\u00fcrdest du die aktuelle, australische Kunstszene beschreiben? Gibt es eine bestimmte popul\u00e4re Kunstrichtung unter den jungen, aufstrebenden K\u00fcnstlern? <\/strong><\/p>\n<p><em>MG: Die zeitgen\u00f6ssische Kunstszene in Australien ist so unterschiedlich, dass man nicht von einem bestimmten Genre sprechen kann. In meiner Gegend in Australien gibt es einige herausragende Bildhauer, die dort arbeiten. K\u00fcnstler wie Patricia Piccinini und Gallum Morton machen grandiose Arbeiten. Es gibt weniger ein Genre, das alle teilen, als mehr ein Ethos der ironischen Aufarbeitung. Ob eher hoffnungsvoll oder verbittert, viele der australischen K\u00fcnstler betrachten die Welt mit einer ironischen Brille. Australien h\u00e4lt sich f\u00fcr eine egalit\u00e4re Gesellschaft \u2013 im positiven Sinne bedeutet es sich f\u00fcr Gleichstellung und Wohlstand einzusetzen, auf der anderen Seite bedeutet es Misstrauen in das Herausragende und das Zur\u00fcckdr\u00e4ngen des Strebens nach pers\u00f6nlicher Selbstverwirklichung. In diesem Sinne, kann der K\u00fcnstler zwar sein Werke als Referenz behandeln, jedoch seine Identit\u00e4t als K\u00fcnstler nicht feiern. Ich denke der Moment der Ironie ist dabei auch der Ausdruck dieser Distanz zwischen dem K\u00fcnstler und seinem eigenen Werk. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin George, ein australischer Bildhauer aus Melbourne, wird mit der Berliner Liste 2016 seine erste Messeteilnahme in Europa begehen. Seine in Australien weit bekannten monumentalen Stahl- und Marmorplastiken zeugen von der Ironie einer australischen Gesellschaft und deren ironischem Umgang mit den Begebenheiten unserer heutigen Welt. 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